Wie der Fernbus nach Deutschland kam

Die bewegende Geschichte von DeinBus.de

Guten Abend, meine Damen und Herren. Hier ist die Tagesschau. Berlin: Mit großer Mehrheit beschloss die Regierung, dass Fernbusse ab sofort verboten werden. Die Deutsche Bahn erhält ein Monopol auf alle Strecken über 50 Kilometern. Alle Menschen, die verreisen möchten, sollen hierfür den Zug nehmen. Fernbusse gelten zwar als umweltfreundlich und sicher, die im Staatsbesitz befindliche Bahn soll aber besser vor Konkurrenz geschützt werden.

Klingt wie ein Albtraum für Dich? Denn Du musst weg, mal raus, heim zur Familie oder zu Deiner Fernbeziehung? Du kramst im Netz und findest keine passende Mitfahrgelegenheit mehr. Karre hast Du keine. Seit es die Fernbusse nicht mehr gibt, bist Du auf die Bahn angewiesen. Also gut, www.bahn.de entern und schnell einen Zug gebucht… Doch was ist los, die gleiche Strecke, die mit dem Bus immer 20 Euro gekostet hat, kostet jetzt 130 Euro?

Früher war nicht alles besser!

Tatsächlich ist es noch gar nicht so lange her, dass in Deutschland Fernbusse verboten waren. Wir Gründer von DeinBus.de waren noch Studenten an der Uni. Regelmäßig haben wir uns über die horrenden Bahnpreise geärgert. Über verpasste Anschlusszüge. Über Zugausfälle. Über eine fehlende Alternative.

Während unserer Auslandssemester vor einigen Jahren fuhren wir das erste Mal mit einem Fernbus. Wir waren begeistert. Die Busse waren pünktlich. Komfortabel. Die Preise waren unglaublich günstig. So ganz anders als die Deutsche Bahn. So etwas fehlte in Deutschland, dachten wir. Was für eine tolle Geschäftsidee, dachten wir auch!

Wir hätten uns nicht vorstellen können, wie steinig der Weg werden würde. Wie sehr er sich lohnt.

Die Lücke als Brücke: eine Gesetzeslücke bereitet dem Fernbus den Weg

Als wir 2008 zurück in Deutschland waren, haben wir die Greyhounds dieser Welt sehr vermisst. Wir haben uns gewundert, warum der Fernbus in Deutschland ein Schattendasein fristet. Deshalb gingen wir auf die Suche nach einer Antwort.

Veraltet! Ein Gesetz von 1934?

Bei unseren Nachforschungen stießen wir auf ein altes Gesetz aus dem Jahr 1934. Das Personenbeförderungsgesetz (kurz: „PbefG“) verhinderte seit fast 80 Jahren den Betrieb von Fernlinienbussen. Je tiefer wir in die Gesetzeslage hinein tauchten, desto spannender wurde es.

§ 13 Absatz 2 PbefG regelte, dass Fernbusse nicht fahren durften, wenn…

„a) der Verkehr mit den vorhandenen Verkehrsmitteln befriedigend bedient werden kann,

b) der beantragte Verkehr ohne eine wesentliche Verbesserung der Verkehrsbedienung Verkehrsaufgaben wahrnehmen soll, die vorhandene Unternehmen oder Eisenbahnen bereits wahrnehmen“

Im Klartext: Die Deutsche Bahn fährt schon jede Strecke. Poetisch schöner als mit dem Wort „befriedigend“ lässt sich die Absurdität über das damalige Fernverkehrsangebot nicht ausdrücken.

Verboten! Das Monopol der Deutschen Bahn.

Was wir unfair fanden: Das uralte Gesetz sicherte dem Staatskonzern Deutsche Bahn somit ein wohliges Monopolnest. Es verbot den Verkehr durch Fernbusse. Dabei boten diese viele Vorteile.

Aber es gab keinen Wettbewerb, keine Alternative zum Zug. Im Volkswirtschaftsseminar an der Uni hörten wir von „Monopolrenten“: Die Bahn nahm höhere Preise. Warum? Weil sie es konnte. Direkt aus unserem Portmonee.

Das wollten wir nicht gelten lassen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!

Verrückt! Der Mut zur (Gesetzes-) lücke.

Wir haben die Gesetzestexte gelesen, gewälzt, mit ins Bett und auf Partys genommen – der Gedanke von Fernbussen in Deutschland hat uns nicht losgelassen.

Wir suchten, bis wir eine Lücke im Gesetz fanden. Wenn sich nämlich eine Gruppe einen Bus mietete, konnte sie fahren wohin sie wollte. Es handelte sich nicht mehr um „Linienverkehr“, sondern um „Gelegenheitsverkehr“. Und die Durchführung von „Gelegenheitsverkehr“ unterliegt weit weniger Beschränkungen.

Wir schlugen dem Gesetz ein Schnippchen. Denn wer konnte verbieten, dass Du Dir einen Bus mietest und Mitfahrer organisierst? Eben. Kurz gesagt waren wir nichts anderes als eine Mitfahrzentrale mit Bussen. Wir mussten uns nur noch darum kümmern, dass viele Menschen in einer Gruppe von einer Stadt in eine andere fahren wollten. Eine perfekte Aufgabe für das Internet!

Vernetzt! „Crowddriving“ mit der Busmitfahrzentrale.

Wir bastelten eine Internetseite, auf der jeder eine Reisegruppe gründen konnte, die eine ganz bestimmte Strecke fuhr. Andere Nutzer konnten sich dann dieser Gruppe anschließen. Sobald sich ausreichend Mitfahrer gefunden hatten, fand die Fahrt sicher statt. Wir organisierten einen Reisebus und jeder Teilnehmer der Fahrt zahlte einen Anteil der Fahrtkosten. Theoretisch konnten wir so täglich Dutzende Fahrten zwischen allen erdenklichen Orten Deutschlands durchführen.

Am 4. Dezember 2009 war es dann endlich soweit: Der allererste „DeinBus“ fuhr von Frankfurt am Main nach Köln. Jeder Mitfahrer zahlte 12,50 Euro. 

Der Bus als Alternative wurde begeistert angenommen. Jede Woche fanden sich mehr Gruppen auf immer mehr Strecken zusammen. Und die Mitfahrt mit dem Bus war viel günstiger als mit der Bahn. Ihr habt die Busmitfahrzentrale geliebt!

Doch dann kam ein Bote vom Gericht mit Post von der Deutschen Bahn.

Der Monopolist schlägt zurück: Die Klage der Deutschen Bahn

Sicher staunten die hohen Tiere in der Rechtsabteilung der Deutschen Bahn nicht schlecht, als sie von DeinBus.de und der Busmitfahrzentrale hörten. Doch was konnten sie gegen die gewaltige 3-Mann-Konkurrenz aus Offenbach tun?

Die Bahn sah nur einen Weg – nicht weniger als eine Unterlassungsklage sollte es sein. Die preisgünstigen Busverbindungen sollten gerichtlich verboten werden. Die Anwälte der Bahn argumentierten, für unsere Busmitfahrzentrale sei eine Genehmigung erforderlich, die wir aber nicht hätten.

Wir hatten uns lange mit den Gesetzen beschäftigt, alle notwendigen Genehmigungen beantragt und wussten, dass wir nichts Verbotenes taten. Gerade jetzt war die Busmitfahrzentrale richtig erfolgreich und gewann Woche um Woche mehr Mitfahrer. Wir hatten schon viel Geld und Schweiß in unsere kleine Firma gesteckt. Die Deutsche Bahn war ein mächtiger Gegner. Unser Herzblut, Leib und Seele hingen an unserem Bus-Projekt – alles war bedroht. Die Nerven lagen blank.

Wie es ausging? Lies die ganze Geschichte: „Deutsche Bahn verklagt DeinBus.de“

An dieser Stelle noch so viel: Wie die Stimmung im Bahntower nach der Urteilsverkündung war, ist uns nicht bekannt. Unsere Stimmung vor dem Amtsgericht Frankfurt war jedenfalls mehr als bestens.

Freie Fahrt für den Fernbus: Liberalisierung am 1. Januar 2013

Wir haben mit unserer Busmitfahrzentrale nach Lösungswegen gesucht den Fernbus auch hierzulande rollen zu lassen. Wir haben die Bahn mit cleveren Argumenten zu unserem Geschäftsmodell vor Gericht bezwungen. Viele Politiker aus Berlin haben uns in dieser Zeit angerufen oder sogar besucht. Auch sie haben erkannt, dass der Fernbus eine Alternative für viele Menschen sein kann, wenn sie verreisen möchten.

Wir haben dafür gekämpft, dass der Fernbus nicht mehr nur eine Ausnahme ist, sondern gesetzlich zugelassen wird.

Berlin handelte. Im September 2012 einigten sich die Fraktionen von CDU/CSU, FDP, SPD und Bündnis 90/Die Grünen auf einen Kompromiss, um das Personenbeförderungsgesetz neu zu schreiben.

Am 1. Januar 2013 trat das neue Gesetz in Kraft. Ab sofort hieß es: Freiheit für den Fernbus in Deutschland. Bei uns im Büro knallten die Sektkorken!

Wir entwickelten neue Strecken und Fahrpläne, immer in Hinblick auf die Einhaltung aller Sozialvorschriften und insbesondere die Lenk- und Ruhezeiten. Beantragten Genehmigungen. Brachten mehr und mehr Busse auf die Straße. Fahrerschulungen zu allerlei Themen rund um den Bus wurden abgehalten. Ein neues Buchungssystem wurde entwickelt und eingeführt. Zur Offline-Bücherkiste kam LTE-WLAN. Unser monatliches Bordheftchen sorgte weiterhin für Unterhaltung und mit der einen oder anderen Aktion am und im Bus beglückten wir unsere Fahrgäste.

Ein neuer Markt ist entstanden. Das Angebot an Fernbusreisen steigt und steigt. Unser Traum ist in Erfüllung gegangen: Reisende haben Alternativen, können wählen zwischen Bahn, Bus, Auto, Fahrrad, Heißluftballon oder Jet-Ski.

Ein turbulentes Jahr 2014

Für unseren Freund und Mitgründer Ingo hieß es Anfang 2014: nächste Station Paris! Ingo erfüllte sich einen lang ersehnten Traum. Er ging für ein weiterführendes Studium zurück an die Uni. Wir freuten uns mit ihm, vermissten Ingo aber als Teil unseres aktiven Teams. Denn auch im Jahr 2014 war keine Zeit zum Verschnaufen. Neue Anbieter schossen wie Pilze aus dem Erdboden, viele mit millionenschweren Kapitalgebern und Konzernen im Rücken.

Doch wer zuerst losläuft, dem geht auch als erstes die Luft aus. Als Pionier der ersten Stunde und ohne finanzkräftige Investoren im Hintergrund wurde es nach fünf Jahren immer schwerer, sich gegen die finanzkräftige Konkurrenz durchzusetzen. Ein gutes Produkt und solides Wirtschaften sollten alleine nicht ausreichen.

Denn der Kampf um die Fahrgäste wurde zu einem knallharten Preiskampf. Die niedrigen Preise im Markt machten die Erlöse kaputt, viele Strecken wurden für vier oder fünf Euro angeboten. Zu diesen Preisen fuhr kein Anbieter profitabel. Unsere Konkurrenten konnten ihre Verluste mit dicken Portmonees ausgleichen. Für uns aber wurde die Luft zum Atmen dünn.

Anfang November mussten wir Insolvenz anmelden. Kein einfacher Schritt für die gesamte DeinBus.de-Crew. Ein weiteres Mal stand DeinBus.de kurz vor dem Aus. Hieß es diesmal „Schluss mit dem Bus?“.

Knapp zwei Monate lang arbeiteten wir mit unserem vorläufigen Insolvenzverwalter zusammen, um DeinBus.de zu retten. Kurz vor Weihnachten, am 22.12.2014, erreichte uns die erlösende Botschaft: Ein Investor war gefunden. Der Retter war sogar selbst DeinBus.de-Fan und ist schon oft mitgefahren. Er übernahm die Firma mit allen Arbeitsplätzen. Auch der Betrieb würde wie gewohnt weitergehen, sehr zur Freude unserer Fahrgäste.

Es klingt wie ein Weihnachtsmärchen, und das war es auch. Seit 2015 wird die bewegte Geschichte von DeinBus.de weitergeschrieben!

Alex vor dem Africa Bus

Bevor Alex DeinBus.de gegründet hat, ist er in über 20 Ländern dieser Welt mit dem Fernbus gefahren, hier zum Beispiel in Marokko.

 

Alex und Ingo vor dem ersten DeinBus

Stolz wie Oskar stehen Ingo und Alex vor dem ersten Bus, der für DeinBus.de durch die Gegend fuhr. Die erste Fahrt ging von Frankfurt nach Köln. Die Busmitfahrzentrale war geboren!

 

Vor dem Gerichtsgebäude

Urteilsverkündung am 20. April 2011

 

Wusstest Du schon…?

Lenk- und Ruhezeiten dienen Deiner Sicherheit. Sie regeln, wie lange ein Fahrer am Stück ohne Pause fahren darf. In unserem Blog haben wir einen tollen Artikel über Lenk- und Ruhezeiten.

 

Linienstart in Marburg

Im Juli 2013 feierten wir beim Marburger Stadtfest den Linienstart der Strecke Marburg-Gießen-Siegen-Köln-Aachen. Die Cheerleader der Marburg Mascots waren auch am Start.